Freitag, 27. Dezember 2013

Dienstag, 24. Dezember 2013

Adventskalender (24, Schluss): Crazy Familien

("Bern Baby Burn" vom 24. Dezember 2011)

O du Weihnachten! Heute findet wieder der urbane Exodus statt; alle in die Stadt migrierten Landeier fahren aufs Dorf, der Bahnhof wird voll sein von Leuten mit feierlichen Mienen und Taschen, aus denen Geschenke quellen. Inklusive mir, ich bin Weihnachtsfan, ich liebe das. Wie meine Familie Berge von Essen auftischt, jeder bringt was mit, bei Gekauftem wird diskret die Nase gerümpft, und ab und zu wird jemand ironisch sagen: Jetzt haben wir wieder zu wenig zu essen! Oder: Nächstes Jahr suche ich mir eine Familie, in der es genug zu essen gibt!, und nie verleidet uns der Witz. Irgendwann werden wir Spiele spielen, ich werde verlieren und wütend werden, wie schon immer, und meine Schwestern werden sagen: Das ist, weil du nie im Kindergarten warst. Später werden wir etwas singen, so halb motiviert, weil irgendwer darauf besteht. Und am Abend spät werde ich mit meinen Gspänli vor der Reitschule anstehen und hoffen, dass wir noch reinkommen, und meine Gspänli werden Anekdoten von ihren eigenen crazy Familien erzählen; das war schon immer eine wohltuende Erkenntnis, dass keine Sippe perfekt ist. Familie halt.

Weihnachten halt. Ich hoffe bloss, es gibt genug zu essen. Und nicht wieder zu wenig Päckli.

Montag, 23. Dezember 2013

Adventskalender (23): Taube, tot

("Bern Baby Burn" vom 13. Juni 2009)

Neulich wartete ich auf den Bus. Dabei schaute ich ein paar Tauben zu, die auf dem Asphalt dieses Vogel-Dings machten – beschäftigt rumeiern. Nach einiger Zeit fuhr der Bus heran, und die Tauben machten sich aus dem Staub. Nur eine wusste nicht wohin, und eierte ausgerechnet: unters Rad.

Pfltsch.

Machte es, als der Bus darüberrollte. Ein wenig knackte es auch, als würde man die Luft aus einer PET-Flasche drücken. Taube tot. Ich ekelte mich lautstark. Die Leute neben mir, die es nicht gesehen hatten, schauten verwundert und dachten wohl: Wieder so eine mit Tourette-Syndrom. Nur ein Kind sagte: «Mami, warum hets nid chönnä furtflügä?», aber Mami wusste auch keine Erklärung.

Ich schon: Darwin.

Der Vogel war zu doof, deshalb musste er sterben. Tauben sind ohnehin unnütz, und man sollte froh sein, wenns eine weniger hat. Würde ich gern denken. Aber jedes Mal, wenn ich seither die Luft aus einer PET-Flasche drücke, durchfährt mich ein taubenfreundliches Schaudern.

Sonntag, 22. Dezember 2013

Adventskalender (22): Besinnungslos

("Bern Baby Burn" vom 22. Dezember 2012)

Dabei wollte ich doch noch so viel! Ich wollte Grittibänzen backen und schöne, persönliche Weihnachtskarten schreiben und sie dann auch tatsächlich verschicken. Überhaupt Briefe und Karten schreiben. Sport treiben und Yoga machen und gesunde Sachen essen. Weniger Alkohol. Mehr schlafen. Die Grossmutter anrufen. Die Fenster putzen. Oder putzen lassen. Ein Back-up machen. Jeden Tag Zahnseide benutzen. Das Lichterspektakel auf dem Bundesplatz anschauen. Das Hochzeitskleid reinigen lassen. Mit dem Zug schnell nach Paris fahren. Immer zurückschreiben. «Krieg und Frieden» fertig lesen. Das Velolicht flicken. Die Bilder aufhängen, die immer noch herumstehen. Gitarre üben. Eine halbwegs anständige Bank finden und das UBS-Konto auflösen. Lernen, wie Twitter funktioniert. Ordnung auf den Computer und in die E-Mails bringen. Das mit den Swiss-Flugmeilen abklären. Den Kleiderschrank aufräumen. Scrabble spielen. Einen Kurs besuchen. Und ich wollte eine Kolumne schreiben mit der Pointe, dass ein mir bekannter Mensch beim Lied «Es ist ein Ros entsprungen» jahrelang verstand: «Es ist ein Ross entsprungen».

Aber jetzt ist natürlich schon wieder Weihnachten und das Jahr quasi vorbei.

Samstag, 21. Dezember 2013

Adventskalender (21): Fertig jetzt

("Bern Baby Burn" vom 21. Dezember 2013)


Und dabei hätte ich noch so viel schreiben wollen. Dass der Breitsch ein verschlafenes, überbewertetes Quartier ist, aber immer noch das beste. Dass man nichts mehr verlässlich abmachen kann und mich diese Unverbindlichkeit aufregt. Dass die meisten Tattoos hässlich sind. Dass es nur eine richtige Bar gibt in Bern, den Kreisssaal, und dass das inzwischen viel zu viele Leute erkannt haben. Dass Hooligans und die Langweiler vom Schwarzen Block armselige Existenzen sind. Dass es wenig Erhabeneres gibt als den Blick von der Eisenbahnbrücke aus Richtung Münster bei Föhnstimmung. Dass der Kitchener der einzige okaye Laden ist in Bern und es dann mal reicht mit Billigketten. Dass zu viel gejammert wird in dieser Stadt. Dass man jemanden finden sollte, der einen besseren Menschen aus einem macht, und man diese Person heiraten sollte.


Schade. Das werde ich nun leider alles nicht schreiben können, weil diese Kolumne fertig ist. Nach fast fünf Jahren.


Aber hey - meinen allergrössten Vorsatz habe ich eingehalten. Ganz zu Beginn hatte ich mir geschworen: Niemals, nie schreibst du eine dieser Metakolumnen. In der langweilige Kolumnisten rumheulen, dass sie keine Idee hatten und die Umstände beschreiben, unter denen ihr schlechter Text entstand. Wer nichts zu schreiben weiss, möge die Finger von der Tastatur lassen.


The End.

Freitag, 20. Dezember 2013

Adventskalender (20): Blöde Frage

("Bern Baby Burn" vom 23. November 2013)

Frauen um die 30 wird gern locker-flockig die Frage gestellt: Und, wie stehts mit Nachwuchs? Meinen unbekinderten Freundinnen passiert das ständig. Männer werden hingegen kaum je nach ihrem Kinderwunsch gefragt. Logo, Fortpflanzung ist ja auch ganz allein Frauensache. Dabei sind die Neugierigen nie enge Freunde, sondern fast immer flüchtige Bekannte, männliche, ältere. Kürzlich erkundigte sich wieder mal einer nach meiner Familienplanung, an einem Fest, ich mit einem Bier in der Hand. Natürlich gab ich wie immer freundlich-unverfänglich Auskunft. Gern würde ich aber einmal ein paar andere Antworten ausprobieren. Zum Beispiel: 
  • Kinder? Niemals! Am Ende kommen sie noch so raus wie eure!
  • Gut, dass du fragst! Wir gehen jetzt nämlich grad heim zum Üben. Und ich wollte schon lange einen praktisch Fremden um Rat bitten. Welche Stellung würdest du empfehlen?
  • Schön, dass du fragst. Ich hatte letzten Monat eine Fehlgeburt, und ich wollte schon lang mit einem praktisch Fremden darüber reden.
  • Lustig, dass du fragst, ich bin nämlich schwanger, aber ich dachte, so 3, 4 Liter Bier können ja wohl nicht schaden.
  • Das geht dich im Fall grad gar nichts an. Frag das besser nie eine Frau. Ausser, du willst ein Kind mit ihr. 

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Adventskalender (19): Mein neuer Unort

("Bern Baby Burn" vom 31. August 2013)

Für manche Menschen ist es die Höchststrafe, am Samstag um 18 Uhr in der Migros oben im Bahnhof einzukaufen. Dann, wenn halb Bern plötzlich einfällt: Huch! Wir haben ja noch nichts eingekauft! Was machen wir am Sonntag nur! Wir werden verhungern!

Mir machen die Menschenmassen dort nichts aus. Entspannt schlängle ich mich durch die Regale, überhole streitende Paare, tobende Kinder, bekiffte Teenager, hole mein Farmer-Pecannuss-Müesli und steuere stracks an die Selbstbedienungskasse. No Problemo. Der Laden ist eng, aber freundlich.

Ganz anders der Coop im Bahnhof. Das ist für mich der neue Berner Unort. Dabei bin ich ein Coop-Kind, ich mag Marken, Wein, spezielles Gemüse, da ist man bei Coop besser bedient. Doch die niedrige Decke, das kalte Licht, das Kassenanweiser-Sicherheitspersonal, das Sortiment (ich zählte gut zwei Dutzend Gemüsesorten, aber mehr als 100 Alkoholarten, noch ohne Wein!): ein trauriger Laden. Vermutlich perfekt für das Bahnhofvorplatzpersonal. Ich hingegen werde am Bahnhof zum Migros-Kind.