Je länger man studiert, desto hässlicher wird man. Vom vielen Lesen gehen die Augen futsch, man braucht dicke Brillengläser, das viele Sitzen macht einen Buckel und Muskelschwund und fett. Der Verfall ist nicht nur körperlicher Natur, auch die Sprache leidet, weil man immer mit so jungen Leuten zusammen ist, und die sagen dann statt «Ich bin empört!» Dinge wie «Also ich meine HALLO?!?» Kein Wunder, haben Akademiker weniger Kinder als der Durchschnitt. Wer will schon mit jemandem rummachen, der zwar schlau ist, dafür wüst und auch noch doof.
Um zumindest der physischen Degeneration ein wenig entgegenzuwirken, gehe ich jetzt ins Krafttraining. Nicht irgendeines, sondern: Kieser. Weil hier die Typen nicht mit Hanteln vor dem Spiegel stehen und sich an ihrem Bizeps aufgeilen. Weil hier nur alte Leute hingehen. Weils nur ne halbe Stunde dauert. Und: Weil man beim Training blöd aussehen darf.
Das, zumindest, dachte ich vor meinem Einführungstraining. Ich hatte mich extra schlimm angezogen, damit ich auch nicht overdressed bin, ausgeleierte Trainerhosen, oft als Pyjama missbraucht, ein überdimensioniertes Juventus-Turin-Fussballdress, ich sah aus wie eine Landpomeranze auf der Schulreise in die Stadt. Olé Olé.
Dann sah ich den Trainer.
Gross, mit Mukkies, wirklich hübsch. Definitiv kein Student.
Die Landpomeranze lief rot an. Und wurde ein wenig wütend auf die Personalpolitik von Herrn Kieser.
Also ich meine, HALLO?!?
Samstag, 22. November 2008
Freitag, 7. November 2008
Plunder für das Karma
Die Strasse, an der ich wohne, ist ein Paradies. Eins für Brockenhäusler und Flohmärktler und besonders eins für die Generation gratis. Jeden Tag steht etwas anderes am Strassenrand: Kasperli-Kassetten; ein Elektroofen; Blumenbilderbücher; eine Stehlampe; ein Laufgitter; ein paar verkratzte Ski. Allerlei Kram und Mist. Ab und zu was Brauchbares.
Der Plunder häuft sich jeweils um Zügeltermine. Eines haben all die Dinge gemeinsam: das weisse A4-Blatt, das daran klebt, mit der Edding-Aufschrift «Zum Mitnehmen!» oder «Gratis» oder «Zu verschenken».
Das Zeug ist immer innerhalb kürzester Zeit weg. Irgendein Messie wird sich den todschicken Kleiderständer befriedigt in sein Wohnzimmerchaos stellen. Eine Familie mit Migrationshintergrund hat endlich Kleiderbügel. Olé olé.
Dabei ist das ganze bloss eine bequeme Gratisabfallentsorgung, getarnt als gute Tat. Wie sind wir doch grosszügig, dass wir unseren halb kaputten Ikea-Plunder verschenken!, denken sich die Leute. Jemand hat bestimmt noch Freude daran! Man muss ja nicht immer alles gleich wegwerfen! Wir. Sind. Gute. Menschen!
Und sie haben damit sogar ein wenig Recht. Denn mit ihren Schenkungen bewahren sie womöglich den einen oder anderen Menschen tatsächlich vor der Hölle.
Vor der schwedischen Möbelkauf- und Einrichtungshölle.



Der Plunder häuft sich jeweils um Zügeltermine. Eines haben all die Dinge gemeinsam: das weisse A4-Blatt, das daran klebt, mit der Edding-Aufschrift «Zum Mitnehmen!» oder «Gratis» oder «Zu verschenken».
Das Zeug ist immer innerhalb kürzester Zeit weg. Irgendein Messie wird sich den todschicken Kleiderständer befriedigt in sein Wohnzimmerchaos stellen. Eine Familie mit Migrationshintergrund hat endlich Kleiderbügel. Olé olé.
Dabei ist das ganze bloss eine bequeme Gratisabfallentsorgung, getarnt als gute Tat. Wie sind wir doch grosszügig, dass wir unseren halb kaputten Ikea-Plunder verschenken!, denken sich die Leute. Jemand hat bestimmt noch Freude daran! Man muss ja nicht immer alles gleich wegwerfen! Wir. Sind. Gute. Menschen!
Und sie haben damit sogar ein wenig Recht. Denn mit ihren Schenkungen bewahren sie womöglich den einen oder anderen Menschen tatsächlich vor der Hölle.
Vor der schwedischen Möbelkauf- und Einrichtungshölle.



Freitag, 24. Oktober 2008
Nachmittag? Na dann, gute Nacht
Vorlesungen zwischen zwei und vier sind am schlimmsten. Neulich schaute ich mich um: Schlecht geschätzt focht wohl ein Viertel meiner Mitstudenten den gleichen Kampf aus – die Augen fallen zu, das Hirn ist Matsch, träge schleppt sich der satte Nachmittag dahin und das Blut in die Verdauung, NICHT EINSCHLAFEN!
Jeder hat seine Strategie. Red Bull, Kaffee, kneifen; wenn gar nichts hilft: den Kopf aufs Blatt vor sich richten – wenigstens nicht gesehen werden.
Denn hat sich das Matschhirn mal vorgenommen, jetzt – und genau jetzt – schlafen zu wollen, lässt sich nichts machen. Ganze Lektionen lang kann sich so eine Schlacht hinziehen, man notiert lustiges Zeug, weil sich Vortrag und Schlaf mischen – «Institutionen sollen Transaktionskosten verschmieren». Ah so. Immer wieder aufschrecken, weil der Albtraum ja eintreffen könnte und der Prof womöglich gerade sagte: «Sie dahinten mit dem blauen Pullover, schlafen können Sie zu Hause!» – was noch nie passiert ist und wohl nie passieren wird, trotzdem aber als Urangst fortbesteht.
Neulich sah ich in einer Tiersendung Erdmännchen. Sie sollen – auf zwei Beinen stehend – ihre Kolonie bewachen, fallen aber ständig auf die Schnauze, weil sie im Stehen einschlafen. Und ich dachte: Hey, für die gehts um Leben und Tod.
Da wurde mir klar: Der Mensch stammt vom Affen ab. Der Student vom Erdmännchen.
Jeder hat seine Strategie. Red Bull, Kaffee, kneifen; wenn gar nichts hilft: den Kopf aufs Blatt vor sich richten – wenigstens nicht gesehen werden.
Denn hat sich das Matschhirn mal vorgenommen, jetzt – und genau jetzt – schlafen zu wollen, lässt sich nichts machen. Ganze Lektionen lang kann sich so eine Schlacht hinziehen, man notiert lustiges Zeug, weil sich Vortrag und Schlaf mischen – «Institutionen sollen Transaktionskosten verschmieren». Ah so. Immer wieder aufschrecken, weil der Albtraum ja eintreffen könnte und der Prof womöglich gerade sagte: «Sie dahinten mit dem blauen Pullover, schlafen können Sie zu Hause!» – was noch nie passiert ist und wohl nie passieren wird, trotzdem aber als Urangst fortbesteht.
Neulich sah ich in einer Tiersendung Erdmännchen. Sie sollen – auf zwei Beinen stehend – ihre Kolonie bewachen, fallen aber ständig auf die Schnauze, weil sie im Stehen einschlafen. Und ich dachte: Hey, für die gehts um Leben und Tod.
Da wurde mir klar: Der Mensch stammt vom Affen ab. Der Student vom Erdmännchen.
Freitag, 10. Oktober 2008
Frontal? Ja gerne.
Es ist eines der modernen Missverständnisse an der Universität, dass Vorlesungen interaktiv sein sollten. Eben nicht! Für Interaktivität gibts Proseminare und Seminare. In den Vorlesungen, geschätzte Damen und Herren Professoren, sollen Sie uns rhetorisch beeindrucken, gerne zutexten. Wir Studenten mögens frontal. Das lernen alle Dozenten früher oder später.
Zu den Spätzündern gehört jene Lehrperson, die uns neulich rote und grüne Karten verteilte: Sobald wir eine Frage haben, sollen wir die grüne Karte hochstrecken. Wenn was nicht gut ist, die rote. Crazy!
Nun. Es passierte 90 Minuten lang gar nichts. Die Studenten schauten dumpf wie immer. Die farbigen Karten landeten später unberührt im Müll.
Die darauf folgende Woche hatte ein Student schliesslich Erbarmen. Streckte mutig die Hand in die Höhe und fragte etwas. «Was sind steigende Skalenerträge?»
Wie wir uns für den Dozenten freuten! Endlich eine Frage! Jee!
Die Freude aber wurde von der Lehrperson jäh zertrampelt. Durch ein empörtes: «Sie wissen nicht, was steigende Skalenerträge sind?!», gefolgt von einem wirren verbalen Ausflug («Äh, das hat was mit der Steigung der Kurve zu tun.»)
Im Geiste streckten wir unsere roten Karten hoch, die wir leider nicht mehr hatten. Interaktivität in Vorlesungen ist eine tückische Sache.
Zu den Spätzündern gehört jene Lehrperson, die uns neulich rote und grüne Karten verteilte: Sobald wir eine Frage haben, sollen wir die grüne Karte hochstrecken. Wenn was nicht gut ist, die rote. Crazy!
Nun. Es passierte 90 Minuten lang gar nichts. Die Studenten schauten dumpf wie immer. Die farbigen Karten landeten später unberührt im Müll.
Die darauf folgende Woche hatte ein Student schliesslich Erbarmen. Streckte mutig die Hand in die Höhe und fragte etwas. «Was sind steigende Skalenerträge?»
Wie wir uns für den Dozenten freuten! Endlich eine Frage! Jee!
Die Freude aber wurde von der Lehrperson jäh zertrampelt. Durch ein empörtes: «Sie wissen nicht, was steigende Skalenerträge sind?!», gefolgt von einem wirren verbalen Ausflug («Äh, das hat was mit der Steigung der Kurve zu tun.»)
Im Geiste streckten wir unsere roten Karten hoch, die wir leider nicht mehr hatten. Interaktivität in Vorlesungen ist eine tückische Sache.
Samstag, 27. September 2008
Jöööh, die Kleinen!
Wir nennen sie liebevoll-despektierlich «die Kleinen». Die Studenten, die gerade frisch an der Uni sind, sind total herzig. Sie haben ein Etui, wie man es in der Sek hatte, wo mit Tipp-Ex «SCB olé olé» drauf geschrieben steht. Schon zehn Minuten vor Beginn der Vorlesung sitzen sie brav im Saal, die Leuchtstifte farblich assortiert vor sich auf dem Pult, manche schreiben mit Füllfederhalter, doch, das gibt es noch, vor allem bei Jugendlichen mit ländlichem Migrationshintergrund.
Daneben gibt es aber auch jene Erstsemestrigen, die gerne etwas bourgeois wirken, sie tragen Hüte und betont nachlässige Kleider und kaufen alle überteuerten Bücher, die der Prof empfiehlt, weil die im Büchergestell so schlau aussehen. Diese Bohemiens studieren Philosophie oder Soziologie und wohnen in einer voll autonomen WG im Breitsch, wo man mit Holz selber heizt. So herzig.
Ja, so machten wir uns die vergangenen beiden Wochen über die Kleinen lustig. Bis ich damit aufhören musste, weil mir die Herablassung im Halse stecken blieb. Das war, als mich eine der Debütantinnen fragte: «Entschuldigung, können Sie mir sagen,…»
Mehr hörte ich nicht. Das «SIE» übertönte alles. Es schrie: «SIE sind allmählich zu lang an der Uni.»
Daneben gibt es aber auch jene Erstsemestrigen, die gerne etwas bourgeois wirken, sie tragen Hüte und betont nachlässige Kleider und kaufen alle überteuerten Bücher, die der Prof empfiehlt, weil die im Büchergestell so schlau aussehen. Diese Bohemiens studieren Philosophie oder Soziologie und wohnen in einer voll autonomen WG im Breitsch, wo man mit Holz selber heizt. So herzig.
Ja, so machten wir uns die vergangenen beiden Wochen über die Kleinen lustig. Bis ich damit aufhören musste, weil mir die Herablassung im Halse stecken blieb. Das war, als mich eine der Debütantinnen fragte: «Entschuldigung, können Sie mir sagen,…»
Mehr hörte ich nicht. Das «SIE» übertönte alles. Es schrie: «SIE sind allmählich zu lang an der Uni.»
Freitag, 12. September 2008
Die wahre Prüfung
Jeder, der ohne fremde Hilfe den Weg zum Universitätsgebäude findet, würde auch ein Studium bestehen. So dachten mein Unigspänli und ich lange Zeit. Schliesslich schrieben wir in jenen Fächern die besten Noten, in welchen wir keine einzige Vorlesung besucht und kaum eine Zeile gelesen hatten.
Wir haben uns getäuscht.
Die wahre Herausforderung für Studenten liegt nämlich nicht im Schulweg. Sondern darin, in der universitären Bürokratie den Überblick zu bewahren. Jedes Institut hat seine eigenen Regeln, Berechnungssysteme, Abläufe und Kopierkarten. Wie viele akademische Karrieren sind wohl schon am ECTS-System, an einem komplizierten Studienplan oder gar an den Öffnungszeiten des Sekretariats gescheitert! Wie manches angehende Genie wurde schon angesichts zweier fehlender Credits vor dem Abschluss in die Psychiatrie eingeliefert!
Auch ich wäre kürzlich fast verzweifelt. Eine Dekanatsvorsteherin wollte mir weismachen, ich hätte eine Prüfung umsonst geschrieben, die hart erarbeiteten Punkte würden mir nicht angerechnet.
Alles vergebens!, heulte ich. Zunächst war ich traurig. Dann wütend. Dann machte ich mich schlau. Und konnte der Bürokratin mit triumphalem Grinsen das Gegenteil beweisen.
Ich bin nun nicht nur um ein paar Punkte reicher. Sondern auch um den Stempel «uni-tauglich». Denn eine gute Studentin schreibt nicht unbedingt gute Noten. Eine gute Studentin trotzt der Uni-Bürokratie.
Wir haben uns getäuscht.
Die wahre Herausforderung für Studenten liegt nämlich nicht im Schulweg. Sondern darin, in der universitären Bürokratie den Überblick zu bewahren. Jedes Institut hat seine eigenen Regeln, Berechnungssysteme, Abläufe und Kopierkarten. Wie viele akademische Karrieren sind wohl schon am ECTS-System, an einem komplizierten Studienplan oder gar an den Öffnungszeiten des Sekretariats gescheitert! Wie manches angehende Genie wurde schon angesichts zweier fehlender Credits vor dem Abschluss in die Psychiatrie eingeliefert!
Auch ich wäre kürzlich fast verzweifelt. Eine Dekanatsvorsteherin wollte mir weismachen, ich hätte eine Prüfung umsonst geschrieben, die hart erarbeiteten Punkte würden mir nicht angerechnet.
Alles vergebens!, heulte ich. Zunächst war ich traurig. Dann wütend. Dann machte ich mich schlau. Und konnte der Bürokratin mit triumphalem Grinsen das Gegenteil beweisen.
Ich bin nun nicht nur um ein paar Punkte reicher. Sondern auch um den Stempel «uni-tauglich». Denn eine gute Studentin schreibt nicht unbedingt gute Noten. Eine gute Studentin trotzt der Uni-Bürokratie.
Montag, 30. Juni 2008
Zahlen, bitte!
Schluss, aus, vorbei, das letzte Spiel gespielt. Es ist wie früher Weihnachten: Eine halbe Ewigkeit warten, und ruckzuck sind die Päckli ausgepackt und das Fest vorbei. Doch diese Fussball-Europameisterschaft könnte die Zivilisation einen wichtigen Schritt weiterbringen. Und dies dank dem Plattitüdenkässeli.
Erfunden von schlauen, hoch entwickelten Individuen, soll es uns davor bewahren, vor lauter verbaler Blödheiten Ohrenkrebs zu kriegen. Jeder, der bei einem Spiel eine Phrase drescht (etwa «Deutschland ist halt eine Turniermannschaft»), muss zahlen.
Wie gut wäre die Welt, wenn wir diese nützliche Erfindung auf weitere Lebensbereiche anwenden würden. «Sie lernen nicht für mich, sondern fürs Leben» – und der Prof muss blechen. «Er ist bestimmt verliebt, er kann es nur nicht zeigen» – klimper, klimper, liebe beste Freundin. «Die besten Wohnungen gehen unter der Hand weg» – ach was? Bitte zahlen.
Mit dem Geld könnten wir alle schön in die Ferien fahren («Ferien sind der Beziehungskiller Nummer 1!», ruft Stefanie aus Hinterkappelen alarmiert. Danke für deinen Beitrag Stefanie, und jetzt bitte einzahlen.) Und das Leben wäre ein schöneres.
Reden ist Schweigen, und Silber ist Gold.
Erfunden von schlauen, hoch entwickelten Individuen, soll es uns davor bewahren, vor lauter verbaler Blödheiten Ohrenkrebs zu kriegen. Jeder, der bei einem Spiel eine Phrase drescht (etwa «Deutschland ist halt eine Turniermannschaft»), muss zahlen.
Wie gut wäre die Welt, wenn wir diese nützliche Erfindung auf weitere Lebensbereiche anwenden würden. «Sie lernen nicht für mich, sondern fürs Leben» – und der Prof muss blechen. «Er ist bestimmt verliebt, er kann es nur nicht zeigen» – klimper, klimper, liebe beste Freundin. «Die besten Wohnungen gehen unter der Hand weg» – ach was? Bitte zahlen.
Mit dem Geld könnten wir alle schön in die Ferien fahren («Ferien sind der Beziehungskiller Nummer 1!», ruft Stefanie aus Hinterkappelen alarmiert. Danke für deinen Beitrag Stefanie, und jetzt bitte einzahlen.) Und das Leben wäre ein schöneres.
Reden ist Schweigen, und Silber ist Gold.
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